Zur Afrika Ausstellung im Kunstforum, 2011

Echt?

Die Afrika Ausstellung im Kunstforum hat zu Diskussionen über Echtheit von Objekten geführt. Ich möchte mich dem Thema von einer anderen Seite nähern.

Würde jemand zur Ausstellung frühsardinischer Kunst einladen und Giacometti Skulpturen präsentieren, so kann man sich nicht über Giacometti lustig machen.

Kunst? Ritualobjekte? Jedenfalls afrikanisch. Gleich rechts vom Eingang  eine Bronze. Sitzender Bläser würde ich sagen. Perfekt gearbeitet. Ist der echt?

Echtheit

ist ein Pfeiler westlicher Kultur. Die unerschütterliche Hoffnung, dass es auch in einer Welt von Avataren Echtes, Wahres, ewig Geltendes geben muss. Eine Hoffnung wie die auf den wahren Glauben oder ehedem die Jungfräulichkeit als Voraussetzung der bürgerlichen Ehe.
Echtheit ist der Grund für ein Objekt viel auszugeben. Dafür muss Meister NN seine begnadete Hand selbst angelegt haben.
Das Echtheitsgebot gilt auch und vor allem für Markenartikel. Chanel, Gucci, Lacoste, Microsoft, usw., usw., millionenfach wird in China, Vietnam, Sri Lanka produziert. Sind das echte Produkte?
Durch den heiligen Akt der Label-isierung werden Produkte zu legitimen Kindern.

Die italienischen Carabinieri laufen nur noch den Touristen nach, weil die nicht so flink sind wie die afrikanischen Straßenhändler unechter Waren.
Bei Hundewürfen gelten auch nur Erstgeborene als reinrassig. Nachkommende können noch so hübsch sein, naturgalant, weil sie anderen den Vortritt gelassen haben. Sorry! Eleganz zählt hier nicht.

Und: Echtheit wird vom Produzenten bestimmt.
Die Konsumenten akzeptieren das. OK? Fein! Dann sind ja alle happy.

Im westlichen Kulturbetrieb

wirkt sich das so aus, dass jahrzehntelang Kunstgläubige ehrfurchtsvoll staunend die Meisterschaft Rembrandts im Mann mit dem Goldenen Helm bewundert haben. Diese Lichtgestaltung! Doch dann wurde der ent-rembrandtisiert. Ab ins Verlies, ins Depot zu den unzähligen zweit- und drittklassigen Meistern.
Sagen wir so: Zu jenen, die bisher keine Protegés gefunden haben. Irgendwann wird von denen einer „entdeckt“, das belebt den Markt bisheriger Dachbodenschätze. 

Oder ist da etwas, das unabhängig vom Label existiert?
Was nicht messbar und zertifizierbar ist, kann nicht angesprochen werden.

Diese westliche Position ist die Bruchlinie zu Afrika.

Bis zum Ende der Ausstellung

werden viele vor den Objekten stehen, verwirrter denn je zuvor. Wird doch im Katalog von Kulthandlungen geraunt, in die diese Objekte integriert gewesen sein sollen. Jeder darf sich daher vorstellen, was das im dunklen Afrika bedeutet: Menschenopfer, Blut, Orgien. Ärgeres noch.
Kulthandlungen eben.

Auch die Römer haben die christliche Agape so denunziert – und vielleicht damit gefördert. Jeder wollte mitmachen. Schwer kämpft die Amtskirche bis heute, um deutlich zu machen, dass das so nicht gemeint war. Bis nach Afrika reist Benedikt in seinem Kreuzzug gegen Kondome.

Ein Heer von Keramikfiguren

Alle etwa 2000 Jahre alt. PlusMinus. Fast ausschließlich von nur einem Ausgrabungsort. Bodenfunde. Dort aber gleich in allen Stilvarianten. Dem nigerianischen Staat entgangen, obwohl der Fundort in einem dicht besiedelten Gebiet liegt. (Während ich, beispielsweise in Foumban, nichts machen kann, ohne dass mir nicht Alphonse am nächsten Tag meinen Tagesablauf berichtet.)
Ein Fundort, offenbar sehr reich ausgestattet. Bisher hatte man gerade mal Glück mit Einzelfunden. Es sei denn, man geht in die Kunsthandwerksboutiquen in Foumban, Bamenda, Bafoussam. Überall sind die Regale voll von Objekten dieser Art.

Der Keramiksaal der Bank Austria ist also eine eigene Sache. Hier hätte Echtheit eine eindeutige Bedeutung. 2000 Jahre +/-. Das wäre physikalisch überprüfbar.  

Die Keramiken links liegen lassend, stehe ich wieder vor dem Bronze-Bläser, gleich rechts vom Eingang.

Ernsthaft:

Bamum Bronzeguss ist jungen Datums. Zuerst dem Palast vorbehalten, wurde der Besitz unter Njoya liberalisiert. Emsiges Schaffen herrscht heute. Prächtige Bronzeobjekte stehen dichtgedrängt an den Fronten der Hauswände, in den Läden beim Palast des Sultans und um den Platz, wo sich auch das Stadtmuseum befindet. Zum Nguon Fest werden auf dem Handelsmarkt Objekte erstklassiger Qualität angeboten.
König-auf-Reisen, ein beliebtes Thema, wie bei uns Weihnachtskrippen. In allen Varianten und Größen. Die größte, die ich gesehen habe, bestand aus einer Figurengruppe auf etwa 6 Meter Länge und 3 Meter Höhe. (Die in der Ausstellung gezeigte Gruppe König-auf-Reisen ist von sehr guter Qualität – der beschreibende Katalogtext nicht)  
Der sitzende Bläser ist nicht Bamumstil. Was der Katalog auch sagt. Nicht aber, dass er zweifellos von einer Nupe Figur von Tada inspiriert worden ist. (Vielleicht 15. Jh.) Eine Bronze, die jeder kennt, der sich je mit afrikanischer Kultur befasst hat. Es wurde aber nicht einfach kopiert, was selbst schon  ein technisches Ereignis wäre, sondern der Künstler zeigt, dass er sein Thema kennt und damit spielen kann. Damit hebt er ab vom Handwerk, das er perfekt beherrscht.

Man könnte sagen, ein Zitieren und Verfremden, paraphrasieren. Er fügte der Tsoede Figur ein Blashorn zu, das Benin Herolden zuzuordnen wäre. Nur: In der Benin Kunst haben hornblasende Boten eine eindeutig festgelegte Haltung. Der Künstler zeigt (kann gut sein, dass er noch lebt und wirkt), Wissen und Witz. Ein hervorragender Kenner der Traditionen und brillanter Handwerker.

Die Begründung, warum die historisch und regional nicht zusammenpassenden Objekte doch zusammengefunden haben und in der Bamum-Chefferie gelandet sein sollen, ist charmant präsentiert, aber nicht haltbar.  Die Bamum hatten in dieser Gegend keine Grenzen. Daher führten sie dort auch keine Kriege. Sie kann daher kein Geschenk-zur-Besiegelung-des-Friedens sein.
Die Geschichte der Statue ist somit absurd. Hilfloser Versuch sie schematisch einzupassen. Statt sie als das zu sehen, was sie ist. Ein wirklich prachtvolles Exemplar von Gelbguss. 

So auch die Erklärung zum Glockenfigurenpaar, zur Bronzeglocke. Sie wäre im Umkreis von 30 km zu hören gewesen. Eine Art Oliphant demnach. Doch ihre Form lässt bezweifeln, dass das möglich gewesen wäre. Aber die Glocken sind Prachtstücke der verlorenen Wachstechnik. Reicht das nicht?

Abgesehen davon wurden in allen Chefferien der Grassfields für „long distance calls“ Holz-Schlitztrommeln verwendet. Auch das sollte jeder wissen, der sich mit den Grassfields beschäftigt. Foumban hat eine riesige Schlitztrommel, eine Art Pummerin, die in einem eigenen Haus steht und aus einem gewaltigen Baumstamm gebildet wurde. (Achtziger Jahre, voriges Jh., ersetzte die frühere)

Die Neue der Chefferie Batoufam wurde erst 2004 fertiggestellt. Man hält auf Tradition, obwohl sich das Mobil-Telefonnetz Kameruns ausgezeichnet entwickelt hat.

Die  Abqualifizierung der Ausstellung auf Kosten der Objekte, wobei ich mich nur auf die Bronzen beziehe, ist falsch. Die Qualität der Bronzen ist hervorragend, sie beruhen auf Tradition und zeigen Entwicklung. Mehr noch. Sie zeigen Beispiele einer Entwicklung, die traditionelle Formen neu gestaltet. Paraphrasiert, zitiert.

Im Westen eine bekannte Methode. Arman und er ist nur einer davon, hat mit afrikanischen Statuen neue Objekte geschaffen. 

Afrika sucht stets neue Wege. Durchaus erfolgreich, wie man sieht. Indignation im Westen. Wenn sie fast aussehen wie echt, dann müssen sie ja wohl Fälschungen sein.

Echt sind Objekte, so heißt es, die im Ritual verwendet wurden. Die hier wurden es sicher nie. Sie stellen einfach eine neue Kunstschule dar.
Gerade aber wegen der Verwendung und Abänderung von traditionellen Motiven verlangen diese Objekte eine Betrachtungsweise, die über die ikonografische hinausgeht, die der Westen zum Verdecken der Wissenslücken eingerichtet hat.

Die Warburg-Panofsky  Ikonologie angewandt auf afrikanische Kunst wird erst jetzt in den USA langsam wirksam. Das National African Art Museum publiziert mehr in diese Richtung.   
Für diese Art der Betrachtung ist allerdings profundes Wissen des kulturellen Umfeldes in das die Objekte eingebettet sind, erforderlich. Das haben wir noch nicht.

Deswegen ist es einfacher „echt“ zu fordern.  

Wer würde heute in der Runde ehrwürdiger Traditionalisten afro-portugiesische Elfenbeinarbeiten als Lachnummern bezeichnen? Und doch: Sie waren in keinem Ritual. Sie entsprechen nicht den (damals) traditionellen afrikanischen Objekten, auch nicht dem Stil der Portugiesen. Sie waren Auftragsarbeiten, wenn man will, für Touristen gedacht. Heute sind sie aus dem Kunstmarkt verschwunden, weil alle deren man habhaft werden konnte, in Museen untergebracht sind.  

Eine Frage der Echtheit,

die nicht berührt wird. Das ist der berühmte Thron des Nsangu, der von König Njoya Kaiser Wilhelm als Geschenk gesandt worden ist und der sich heute im ethnologischen Museum von Berlin befindet. Der Bamum-Sultan hat aber auch so einen prachtvollen perlbestickten Thron, mehr schon Thronlandschaft. Welcher ist nun der Thron des Nsangu (Vater von Njoya)? Hat er eine Kopie nach Berlin geschickt? Nach der westlichen Lesart von Echtheit wäre die dann nichts Wert, da nicht im Ritual verwendet. Hätte er aber den Originalthron geschickt, dann wären die Berliner im Besitz eines Originals – und so ist das eben: Die Bamum auch. Die sind auf alle Fälle im Besitz eines echten Throns. Denn der Thron, selbst die Kopie wird im Ritual verwendet und ist daher echt (geworden).

Zu erkennen ist jedenfalls, dass hier noch ein bisschen nachgedacht werden muss. Auch wenn den Geisteswissenschaften präzise Schlussfolgerungen fehlen, so sollten doch Ereignisketten durchdacht werden.

 


 
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